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GÜNTER BRUS

1938 geboren in Ardning, Steiermark
Lebt und arbeitet in Graz und auf La Gomera

Günter Brus Günter Brus
Günter Brus anlässlich seines 60. Geburtstages
im Schömer-Haus, Sept. 1998
Foto: Ali Schafler
Antlitzzertrümmerung, 1986
Acryl-Mischtechnik auf Papier
113 x 78 cm
Foto: Fotoatelier Laut, Wien

Persönliche Daten

1953-57 Kunstgewerbeschule Graz
1957 Akademie für angewandte Kunst Wien
1960 vorzeitiger Austritt aus der Akademie
1964 begründet mit Otto Mühl, Hermann Nitsch und Rudolf Schwarzkogler den „Wiener Aktionismus“
1966 Teilnahme am „Destruktion in Art Symposion“, London
1968 Aktion „Kunst + Revolution“, Universität Wien
zwei Monate in Untersuchungshaft, wird von einem Geschworenengericht zu sechs Monaten Arrest verurteilt
1970 Letzte Aktion „Zerreißprobe“, München
1972/77 documenta 5 und documenta 6 , Kassel
1982 documenta 7, Kassel
1984 Der Roman „Geheimnisträger“ erscheint
1997 Großer österreichischer Staatspreis
1998 Aufführung der ersten Licht-Bild-Dichtung „Der Glühapfel“ in Weiz
2005 Kolumnist und Zeichner für das Österreichische Monatsmagazin „Datum“
20011 Eröffnung des BRUSEUM im Joanneumsviertel, Graz


Zum Werk

„Mein Körper ist die Absicht, mein Körper ist das Ereignis, mein Körper ist das Ergebnis.“1

Günter Brus ist einer der zentralen Künstler des Wiener Aktionismus. In seiner informellen Frühphase ende der 1950er Jahre malt er mit Kunstharzfarben in rein gestischer Weise. Seine ausladenden Bewegungen führen allzu oft in den Raum, der Bildträger scheint immer zu klein für den intensiven Körperleinsatz beim Malen. Bevorzugte Farbe ist Schwarz, das hie und da durch Braun oder Weiß ergänzt wird. Diese Farbbeschränkung charakterisiert auch die frühen Selbstbemalungen.

Günter Brus Günter Brus
Wiener Spaziergang, 1965
aus Mappe mit 16 s/w Fotos
Fotodokumentation: Ludwig Hoffenreich
Foto: Fotoatelier Laut, Wien
Selbstbemalung II, 1965
aus Mappe mit 20 s/w Fotos
Fotodokumentation: Ludwig Hoffenreich
Foto: Fotoatelier Laut, Wien

Im Juli 1965 unternimmt er den „Wiener Spaziergang“, eine Aktion in der der einzige Darsteller der Künstler selbst ist. Bekleidet und von Kopf bis Fuß weiß bemalt, mit einem schwarzen Strich, der seinen Körper in zwei Hälften teilt, spaziert Brus über den Heldenplatz und wird schon nach kurzer Zeit von einem Polizeiorgan gestoppt. Auf die Aktionen „Selbstbemalung I + II“ folgen im Jahr 1965 die radikaleren „Selbstverstümmelungen“, wo ein experimenteller Umgang mit dem eigenen Körper demonstriert wird. Insgesamt führt Brus bis 1970 genau 43 Aktionen durch, zahlreiche Fotodokumentationen davon sind in der Sammlung Essl vertreten. Der Künstler zeigt mit dieser radikalen, existenziellen Körperkunst seine verzweifelte und ohnmächtige Haltung gegenüber einem starren, von konservativen Normen geprägten, gesellschaftlichen System.

Im Juni 1968 hatte der Sozialistische Österreichische Studentenverband unter dem Titel „Kunst und Revolution“ zu einer Diskussion in die Wiener Universität eingeladen. Die Veranstaltung entwickelte sich zusammen mit den anderen Teilnehmern Otto Mühl, Peter Weibel und Oswald Wiener zu einer Aktion, wobei sich Günter Brus provozierend in Brust und Oberschenkel schneidet, sich mit seinem Kot beschmiert und onanierend die Bundeshymne singt. Die Boulevardpresse fordert die sofortige Verhaftung der „Uniferkel“. Brus entzieht sich der Haftstrafe und geht mit seiner Familie nach Berlin. Erst 1980 kehrt er wieder nach Wien zurück.

1970 führt Brus in München „Die Zerreißprobe“, durch, dabei geht er extrem hart an die Grenze der Selbstverstümmelung. Alle Aktionen waren stets von Malerei und Zeichnung begleitet, ab 1970, nach seiner letzten Aktion schlägt Brus mit dem Bildroman „Irrwisch“ einen neuen Weg ein, indem er Literatur und bildende Kunst miteinander verbindet. Auch hier ist die intensive Auseinandersetzung mit der körperlichen Existenz zu spüren, die Kunstmappe führt seine innere, sadomasochistische Hölle vor, widmet sich dem Thema Sexualität und ist geprägt von Tabubrüchen.

So erfolgt seine Wandlung zum Bild-Dichter. Er tritt dabei in einen Dialog mit Künstlern anderer Jahrzehnte und Jahrhunderte. Mittels dem ihn eigenen Strich zitiert er ihre Werke und baut sie in seine Seh-Texte ein. In seinen Bild-Dichtungen gibt es neben dem Text auch Schriftspuren, Durchgestrichenes und Leerräume. Auch die Handschrift ändert sich von Zyklus zu Zyklus. Anregungen für seine Sehtexte findet er vor allem bei William Blake, aber auch bei Alfred Kubin. 1979 schreibt und zeichnet er „Des Knaben Wunderhorn“. Der in Schönschrift gestaltete Text und die ornamental angelegten Zeichnungen laden dazu ein, sich in das Werk zu vertiefen.

Günter Brus Günter Brus
Das Inquisit, 1997
11 teilige Bild-Dichtung
Mischtechnik auf Leinen
102 x 76 cm
Foto: Archiv des Künstlers
Vertikalschmerz, 1989
Mischtechnik auf Papier auf Leinwand
168 x 173 cm
Foto: Fotoatelier Laut, Wien

Mit der 11-teiligen Serie „Das Inquisit“, die sich in der Sammlung Essl befindet, kommt zum ersten Mal eine neue Arbeitstechnik zum Tragen. Seriell gefertigte Bilddichtungen werden auf grossformatige Leinwände übertragen und somit eine Brücke von buchorientierten Zeichnungen zur malerisch gestischen Aktionsmalerei der Vergangenheit geschlagen. Auf dem Titelblatt taucht eine geisterhafte Gestalt aus dem Ungewissen auf, die formell auf ein Goya Werk zurückgeht und wie vom Schrecken erstarrt inne hält.

Spätere Werke weisen einen viel freieren und gelösteren Strich auf. Bild und Text fließen nun ineinander. Für Günter Brus sind Schreiben und Zeichnen gleichbedeutend. Brus’ sprachliche Qualitäten zeichnen sich durch lyrische Passagen, Witz, Satire und Ironie aus. Mit malerischem Feingefühl und oft an Träume erinnernden Blättern stattet er seine Texte aus. Der Leser und Betrachter gerät in ein Spannungsfeld zwischen Wort und Bild.

Elisabeth Pokorny-Waitzer

1) Johanna Schwanberg zitiert Günter Brus: Günter Brus. Werke aus der Sammlung Essl, AK Schömer-Haus, Klosterneuburg 1998, S. 13.



AUSSTELLUNGEN UND Ausstellungsbeteiligungen im Essl Museum
2011 VIENNESE ACTIONISM. THE OPPOSITE POLE OF SOCIETY. Works from the Essl Collection, MOCAK - Museum of Contemporary Art, Kraków_PL
2010 CORSO. Werke der Sammlung Essl im Dialog
2008 KOMPLEX. Österreichische Gegenwartskunst aus der Sammlung Essl, Museum am Ostwall, Dortmund
2007 PASSION FOR ART. 35 Jahre Sammlung Essl
2006 Gabi Bösch Gedenkausstellung, Villa Wessel, Iserloh_D
2006 ÖSTERREICH: 1900 – 2000. Konfrontationen und Kontinuitäten
2006 PERMANENT 06
2005 COLECCIÓN ESSL. Arte contemporáneo austriaco y pintura de la Posguerra / Zeitgenössische österreichische Kunst und Malerei der Nachkriegszeit aus der Sammlung Essl, Museo de Arte Moderno de México, Mexico City, weitere Station: Museo de Arte Contemporáneo de Monterrey
2003 PERMANENT 04
2003 DIE FIGUR IN DER MALEREI. Österreichische Malerei zwischen 1960-1990. Hans Fronius zu Ehren, Schömer-Haus
2002 PERMANENT 02
2001 REISEN INS ICH - Künstler-Selbst-Bild
2001 FALLOBST. Witz Ironie Kunst
2001 Die Österreichische Moderne nach 1945 in der Sammlung Essl – Malerei, Grafik, Zeichnung; Kunsthalle Erfurt
2000 Österreichische Malerei der Achtziger Jahre, Gallery Klovicévi Dvori, Zagreb
2000 PERMANENT 01
1999 the first view
1999 QUERFELDEIN - Werke aus der Sammlung Essl, Zwettler Kunstverein; Blaugelbe Viertelsgalerie, Rosenau_A
1998 GÜNTER BRUS - Werke aus der Sammlung Essl, Schömer-Haus
1998 Umbruch. Werke der 60er Jahre aus der Sammlung Essl, Schömer-Haus
1997 Utopie und Weltschmerz. Arbeiten auf Papier, Schömer-Haus
1996 Abstraktion in Österreich, Schömer-Haus
Weitere Station: Art Gallery, Slovenj Gradec_SLO
1997 Papierarbeiten der Sammlung Essl. Zeitgenössische Österreichische Kunst, St. Louis_USA
1996 Malerei in Österreich 1945-1995. Die Sammlung Essl im Künstlerhaus Wien; weitere Station: Mücsarnok Kunsthalle, Budapest
1993 Jan Hoet präsentiert die Sammlung Schömer
1991 DAS JAHRZEHNT DER MALEREI. Österreich 1980 bis 1990. Sammlung Essl, Kunstforum Wien; 1992-1996 weitere Stationen in Europa, Indien und den USA
1987 Österreichische Gegenwartskunst aus der Sammlung bauMax; mehrere Stationen in Österreich


Weblink

www.museum-joanneum.at/de/neue_galerie/bruseum >>


Weiterführende Literatur zu diesem Künstler finden Sie in der Bibliothek >> des Essl Museums.
updated: 14.01.2012